„Ich habe gezittert an Händen und Beinen! Das war ein Gefühl, dass du nicht wirklich beschreiben kannst und was vielleicht ein Außenstehender kaum nachvollziehen kann“, Cihat Sirins Augen leuchten, wenn er davon erzählt, wie er vor einiger Zeit zum ersten Mal für die türkische Nationalmannschaft auflaufen durfte. Cihat ist eFootball-Spieler beim FC Galaxy Steinfurt und beim türkischen Erstligisten Kayserispor Espor. Er spielt Fußball auf der Konsole – als Mannschaftssport. Elf gegen Elf.

Nach dem Kreuzbandriss ging es vom echten auf den virtuellen Rasen

„Für eine Fußballer-Karriere hat es nicht gereicht. Durch einen Kreuzbandriss konnte ich auch ansonsten selbst nicht mehr mitkicken, sondern bin nur noch im Trainerstab von Türkiyemspor Mönchengladbach aktiv“, berichtet der 29-Jährige. „Die Überschneidungen zwischen dem echten Fußball und dem digitalen Fußball liegen bei rund 80 Prozent“, schätzt er und begründet auch direkt: „Auf dem echten Fußballplatz hast du grundsätzlich mehr Spielübersicht, weil du mit deinen Augen eigentlich den gesamten Platz im Blick hast und auch den Spielern schon an der Körpersprache ansehen kannst, ob die in eine Eins-gegen-Eins-Situation gehen wollen, dich anlaufen oder flanken wollen.“ Auf der Konsole sei das anders. Allerdings kommt es auch hier darauf an, seine Position zu beherrschen, gutes Stellungsspiel zu haben und auf die Intuition. „Das ist für mich der große Unterschied – aber nicht zwischen dem echten Fußball und dem digitalen Fußball. Sondern zwischen dem klassischen FIFA-Modus und dem Pro Clubs-Modus.“ Es sei ein entscheidender Unterschied, wenn du als Spieler selbst die Entscheidung triffst in der 93. Minute bei der Ecke mit nach vorne zu stürmen, zum Kopfball hochzugehen, um dann den entscheidenden Siegtreffer zu erzielen.

In der Türkei ist die Entwicklung bereits weiter – Profi-Klubs spielen Pro Clubs

„Dann bist du der Held“, schwärmt der Fan von Besiktas Istanbul. Ob er mal für Besiktas spielen wolle? „Das Angebot hatte ich in der Tat bereits einmal. Aktuell spiele ich in der türkischen Liga gegen die. Auf der einen Seite ist es schon ein Traum Profi-eFußballer zu werden und das Logo meines Lieblingsklub auf der Brust zu tragen und den Klub zu repräsentieren“, erzählt Cihat mit viel Ehrfurcht in der Stimme. Noch seien aber die Strukturen – vor allem in Deutschland – nicht so weit. In der Türkei, so habe er gehört, könnte es schon bald erste Gagen geben. „Da sind viele Profi-Vereine bereits im eFootball 11 vs 11 angekommen und identifizieren sich auch mit dem Modus. Das ist eine Entwicklung, die in Deutschland noch fehlt.“

Man kann auch als Team funktionieren, wenn man räumlich distanziert ist

So spielt er bisher statt für seinen deutschen Lieblingsklub Borussia Mönchengladbach für FC Galaxy Steinfurt. Das Team hat bereits vier offizielle eSports-Mannschaften, ist damit in verschiedenen Ligen aktiv und hat zudem eine echte Fußballmannschaft, sowohl im Herren- als auch im Frauenfußball. Einen Spieler persönlich getroffen hat Cihat bisher aus dem Klub nicht. „Das war durch die Pandemie bisher nicht drin“, berichtet der Innenverteidiger und schiebt direkt hinterher: „Das tut aber dem Mannschaftsgefüge keinen Abbruch. Wir sind ein echtes Team. Das macht super viel Spaß. Du musst dich nicht sehen, um dich zu verstehen. Am Ende zählt, was du auf dem Feld bringst. Da zeigt sich dein Charakter und wenn du dort dich ins Team integrierst, dann kommst du mit den Jungs auch so gut klar.“ Auch wenn es sehr spannend sei, auch im sogenannten Teamspeak die gegenseitigen Emotionen zu erleben, sei das bisher ausschließlich ein Erlebnis, dass den elf Spielern auf dem virtuellen Rasen vergönnt sei. Fans oder selbst Auswechselspieler seinen bisher nicht vorgesehen. „Auch wenn das natürlich cool für das Erlebnis wäre, da reinschnuppern zu können“.

Respekt und Anerkennung sind wichtige Motivatoren

Bei den Steinfurtern wird bisher nicht für Geld gespielt – dennoch trägt er das Trikot des Klubs mit Stolz und freut sich insbesondere über Anerkennungen und den Respekt, den er für seine Leistungen bekommt. Zum Beispiel als Spieler des Monats. Eine Ehrung, die mit einem Pokal belohnt wird. „Das ist gut für die Motivation“, ist sich der Mönchengladbacher sicher.

Digitale Verlängerung für echte Fußballmannschaft? Denkbar wäre es!

Die Jungs aus dem echten Fußball-Team bei Türkiyemspor Mönchengladbach, aktuell in der Kreisliga A mit Ambitionen nach oben, finden das, was Cihat da auf dem digitalen Rasen tut, gut. „Die meisten von den Jungs spielen selbst FIFA. Ganz klassisch. Wer weiß, vielleicht machen wir ja auch hier irgendwann ein digitales Fußball-Team auf. Quasi als digitale Verlängerung. Erst kicken die Jungs auf dem Platz, dann wird an der Konsole verlängert.“ Dann nämlich könnte man taktisches Verhalten in der Dreierkette, gemeinsames Verschieben, das Stellungsspiel üben. „Das ist schon sehr vergleichbar von dem, welches Verständnis man vom Fußball haben muss und von den Positionen, die ich spiele. Da gehört auch Disziplin dazu, sonst wird es ein bisschen wie E-Jugend, wenn jeder hinter dem Ball herrennen würde.“

Wieder Nationalspieler? Erst einmal steht die Hochzeit an!

Struktur reinbringen und alles unter einen Hut zu bekommen, sei im aktuellen Stadium des Pro Clubs, gar nicht so einfach. Zwei Klubs mit Pflichtspielen und Trainingsbetrieb, ein verantwortungsvoller Job als Teamleiter im Lager eines Logistikunternehmens, Co-Trainer eines echten Fußballteams – und nun steht alsbald auch die Vermählung mit Partnerin Gülbeyaz an. „Viel los, momentan.“ Und dennoch ist der 29-Jährige, der 2020 – damals noch bei Futbolist Espor zum Verteidiger des Jahres gewählt wurde, bereit, wenn der Anruf kommt und es wieder heißt: „Cihat Sirin im Aufgebot der türkischen Nationalmannschaft“ – auch wenn es „nur“ um den eFootball geht. „Dieses Gefühl will ich unbedingt wieder erleben. Mein Heimatland wieder zu vertreten – das wäre mein Traum.“