Im realen Fußball wird jede Szene, jeder Ballkontakt und jedes Dribbling bis ins letzte Detail protokolliert und seziert. Bei Pro Clubs ist dies noch nicht der Fall. Oder zumindest noch nicht weit verbreitet. Dennis Weiß ist Spieler von Bayer 04 eSports und hat sich dem Thema bereits angenommen.

Ein Gastbeitrag von Dennis Weiß:

Nach dem ersten Spiel in FIFA 22 machte ich große Augen. Statt der altbekannten, sehr limitierten Statistik-Übersicht entfalten sich vor mir etliche Seiten voller detaillierter Statistiken. Daraus muss man doch etwas machen können, dachte ich mir und zeitgleich erinnerte ich mich an diesen Film, der hierzulande aufgrund der sehr nischigen Thematik doch eher unbekannt ist.

„Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ ist ein oscarnominierter Film aus dem Jahre 2011 mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Ein Teammanager eines Major League-Baseball-Teams bekommt, um sein Team nach schmerzlichen Abgängen wieder aufzubauen, nur ein geringes Budget. Daher rekrutiert er anhand von speziellen Statistiken, welche im Baseball-Business stark belächelt werden, unterschätzte Spieler zu einem geringen Preis und macht das Team erfolgreich.

Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und auch im Fußball macht solche Not erfinderisch. Ein prominentes Beispiel war Leicester City. Nach der Aufstiegssaison 13/14 waren sie im unteren Tabellenmittelfeld der Premier League gelandet. Nachdem sie in der Saison zuvor aufgestiegen waren, konnten sie den Klassenerhalt in der Premier League sichern. In der Sommertransferphase verpflichteten sie einen – in den Augen aller anderen – für höheres Niveau zu klein geratenen defensiven Mittelfeldspieler von SM Caen. Dieser führte sie in einer sensationellen Saison mit zehn Punkten Vorsprung zur ersten Premier League Meisterschaft. Heute gehört [Anmerkung der Redaktion] Kanté zu den fünf besten defensiven Mittelfeldspielern der Welt.

Statistiken helfen

In der Pro Club-Szene neigt man oft dazu, Spieler nach subjektiven Ersteindrücken aus einer oder zwei Testsessions oder mit einfachen Daten wie FUT-Champions Siege, Tore und Vorlagen zu bewerten. Ich bin der Meinung, mit Hilfe der Statistiken ginge das viel besser.
Daher habe ich Anfang der Saison beschlossen, alle individuellen Statistiken meiner Mannschaft in Pflichtspielen zu sammeln und diese Daten VMs und Spielern zur Verfügung zu stellen, um sich mit den Mitspielern vergleichen zu können. Das „Projekt Moneyball“ wie ich es nannte, war geboren.

Neben den VODs der Streams haben wir jetzt auch eine Sammlung der Statistiken. Richtig interpretiert kann man beispielsweise zwischen effektiven Abschlussspielern und effizienten Abschlussspielern unterscheiden. Haben beispielsweise zwei Stürmer eine vergleichbare Torausbeute kann man sich anschauen, wie viele Schüsse sie dafür gebraucht haben. Sollten die auch noch identisch sein, kann man noch die Expected Goals vergleichen. Hier kann es dann plötzlich zu riesigen Unterschieden kommen. Der eine trifft aus schwierigen Positionen und hat ein positives Tore/xG-Delta der andere hat vielleicht einen negativen Wert weil er aus sehr guten Positionen verschießt.

Oder wenn ein offensiver Mittelfeldspieler einen auffällig hohen Expected Goals-Wert hat, dafür aber eine niedrigere Passquote, wäre es einen Versuch wert ihn in den Sturm zu schieben.
Auch in der Defensive kann man mit den Abwehrstatistiken die Verteidiger profilen. Ich zähle mich zu den sehr tighten Verteidigern und habe dementsprechend wenig Zweikämpfe pro Spiel, dafür aber eine hohe Zweikampferfolgsquote. Sehr aggressive Spieler werden mehr Zweikämpfe und Interceptions pro Spiel haben, dafür jedoch eine geringere Zweikampferfolgsquote, dazwischen natürlich Spieler, die einen Mix aus beidem spielen.
Hier kann man nun taktieren, ob man beispielsweise vermeintlich unsicherere Gegner durch aggressive Verteidiger früh stören will und höheres Risiko gehen mag, oder ob man weniger Risiko geht und passive Verteidiger gegen dribbelstarke Gegner aufstellt.

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Fehlende Möglichkeit zur Rekonstruierung

Ich könnte jetzt noch ein ganzes Essay über solche Möglichkeiten schreiben, würde an der Stelle jedoch zu weit führen und euch wahrscheinlich langweilen. Eventuell berichte ich am Ende der Saison noch ausführlicher.
Nun kommt jedoch der große Dealbreaker an der Geschichte: Der Aufwand. Es gibt leider keine Möglichkeit, nachträglich an die Statistiken zu kommen. Nach jedem Spiel muss ich oder einer meiner Kollegen im Stream durch die Spielerstatistiken gehen und ich pflege sie anschließend händisch in diese Datei ein. Pro Spiel dauert das dann 25-30 Minuten. Sollte man auch nur in einem Spiel vergessen, diese Statistiken aufzuzeichnen, sind sie futsch. Hinzu kommt natürlich noch die Zeit für das Management der Datei an sich. Anlegen neuer Datensätze für Neuzugänge, Anlegen der Spieltage und allgemeine Verbesserungen der Datei.

Erst am Anfang aber doch mit Potential

Ja, der Aufwand ist groß. Dem steht jedoch ein meiner Meinung nach ein ausreichend großer, potenzieller Vorteil gegenüber.

Mir ist aber auch bewusst, dass die Pro Club-Szene noch lange nicht bereit ist, sich auf Statistiken zu stützen. Man denkt überall noch zu unprofessionell. Bei Bewertungen von Leistung legt man deutlich mehr Wert auf subjektive Eindrücke von Spielabenden und eventuell auch auf Sympathien, als auf aufwändige Analysen.

Wenn wir aus unserem Hobby mehr machen wollen als nur ein Hobby, dann werden Analysen von Videos oder vielleicht sogar von Statistiken irgendwann zur Routine der Clubs gehören müssen, um jeden Spieler zu entwickeln, das volle Potenzial des eigenen Teams auszuschöpfen und um auf höchstem Niveau konkurrieren zu können.

Doch aktuell ist Pro Clubs eben nur ein Hobby und das hier ein kurzer Blick in einen Aspekt einer möglichen Zukunft.